Wein auf Lebenszeit

Ich habe, begann Herr Wolters, vor einiger Zeit bei Ihrem Vater ein Fass Wein gekauft.
Der Weinhändler nickte: Ich entsinne mich dessen. Aber es muss schon recht lange her sein, denn mein Vater ist vor elf Jahren gestorben.
Ein Weilchen mag es her sein, gab Herr Wolters zu. Ein kleines Weilchen – obwohl es mir vorkommt, als sei es gestern gewesen. Alten Leuten vergeht die Zeit rasch.
Wieder nickte der Weinhändler: Man sagt es. Waren Sie mit dem Wein zufrieden? Möchten Sie ein neues Fass bestellen?
Nein, erwiderte Herr Wolters, ich war mit dem Wein durchaus nicht zufrieden. Ich möchte das Fass zurückgeben und an seiner Statt ein neues Fass erhalten.
Dieses Mal nickte der Weinhändler nicht. Ihre Beanstandung kommt ein wenig spät. Was fehlt dem Wein?
Er schmeckt säuerlich.
Das wundert mich. Vielleicht haben Sie ihn nicht richtig behandelt. Oder der Geschmack hat sich geändert. Oder Sie sind ihn einfach leid geworden. Nun, wir werden den Fall untersuchen. Ich schicke Ihnen morgen meinen Kellermeister und lasse mir von ihm Bericht erstatten.
Es wird wenig Zweck haben, entgegnete Herr Wolters, denn das Fass ist leer.
Der Weinhändler machte große Augen.
Wie?! rief er. Sie haben das ganze Fass ausgetrunken, obwohl der Wein Ihnen nicht schmeckte? Und jetzt soll ich Ihnen für ein leeres ein volles Fass liefern??
Herr Wolters sah den anderen streng an. Ich habe den Wein nicht getrunken – ich habe ihn probiert. Ich hielt es für möglich, daß er mir eines Tages schmecken werde, denn ich wollte ihn ungern zurückgeben, um Sie nicht zu kränken. Aber der Wein hat mir nicht geschmeckt. Er ist zu sauer, er bekommt mir nicht. Ob ich mich am Ende doch an ihn gewöhnt hätte, weiß ich nicht, denn er ist ja vorzeitig zur Neige gegangen.
Elf oder zwölf Jahre haben Sie den Wein probiert?! rief der Weinhändler. Und erst jetzt kommen Sie darauf, daß er Ihnen nicht schmeckt?!
Dreizehn Jahre, berichtigte ihn Herr Wolters. Der eine merkt es gleich beim ersten Schluck, der andere erst nach einem Fass. Die Menschen sind eben verschieden.
An der Kasse vom Supermarkt
Neulich beim Bezahlen an der Kasse im Supermarkt schlägt die Kassiererin der vor mir bezahlenden alten Dame vor, sie möge doch beim nächsten Einkauf ihre Einkaufstasche mitbringen, denn Plastiktüten seien schlecht für die Umwelt.
"Da haben Sie recht", entschuldigt sich die alte Dame, "doch leider war ich in Eile und habe meine Einkaufstasche entgegen meiner Gewohnheit zu Hause vergessen."
Die junge Frau erwidert: "Ja wissen Sie, unser Problem ist nämlich, daß Ihre Generation sich keine Gedanken darüber gemacht hat, in welch schlechtem Zustand sie die Umwelt uns und den zukünftigen Generationen hinterlässt. Umweltschutz ist sicherlich ein Fremdwort für Sie." <"Das stimmt. Unsere Generation kannte keinen Umweltschutz – war auch gar nicht nötig, denn Sprudel- und Bierflaschen gaben wir an den Laden zurück in dem wir sie gekauft hatten. Von dort gingen sie an den Hersteller, der die Flaschen wusch, sterilisierte und auffüllte, sodaß jede Flasche unzählige Male benutzt werden konnte. Die Milch holten wir beim Milchhändler in unserer eigenen Milchkanne ab. Aber Umweltschutz kannten wir nicht.
Für unsere Gemüseeinkäufe benutzten wir Einkaufsnetze, für den Resteinkauf unsere Einkaufstaschen. Vergaßen wir sie, so packte uns der Händler den Einkauf in braune Packpapiertüten, die wir zu Hause für viele Zwecke weiter verwendeten, z.B. zum Einpacken der Schulbücher, die uns von der Schule unter der Auflage, daß wir sie gut behandeln müssten, kostenlos zur Verfügung gestellt wurden. Nach Beendigung des Schuljahres wurden sie wieder eingesammelt und in hoffentlich gutem Zustand an den nachfolgenden Jahrgang weitergereicht. Aber Umweltschutz kannten wir nicht.
Wir stiegen Treppen hoch, denn Aufzüge oder Rolltreppen gab es nicht so wie heute in jedem Kaufhaus oder Bürogebäude. Wir gingen zu Fuß die paar Schritte zum nächsten Lebensmittelgeschäft und benutzten dazu keinen 300 PS starken Geländewagen. Sie haben Recht, Umweltschutz kannten wir nicht.
Damals wuschen wir die Babywindeln, weil es keine Einwegwindeln gab. Wir trockneten die Wäsche nicht in einem Strom fressenden Trockner, sondern unter freiem Himmel in Sonne und Wind, und auf einer Wäscheleine aus Hanf. Die Kleidung der Kinder ging stets an die jüngeren Geschwister, denn immer neue Kinderkleidung konnten wir uns nicht leisten. Aber Umweltschutz kannten wir nicht.
Im Haus hatten wir ein einziges Radio und später einen kleinen Fernseher mit einem Bildschirm in der Größe eines heutigen Mikrowellengerätes. In der Küche gab es keine elektrischen Maschinen. Alles wurde von Hand geschnitten, geraspelt, geschält. Als Polstermaterial für Päckchen oder Pakete benutzten wir alte Zeitungen, kein Styropor oder Plastikblasen. Der Rasenmäher wurde mit der Hand geschoben. Das war unser Fitnesstraining, weshalb wir keine Fitnessstudios mit elektrischen Laufbändern und anderem Energie fressenden Unsinn benötigten. Aber Umweltschutz kannten wir nicht.
Das Wasser tranken wir aus der Leitung und benötigten dazu keine Plastikflasche. Unsere leeren Schreibfüller wurden wieder mit Tinte aus einem Tintenfass gefüllt, anstatt neue Patronen zu kaufen. Papier wurde beidseitig beschrieben. Stumpfe Rasierklingen wurden ersetzt und sogar teilweise geschärft, Rasierapparate gab es noch nicht. Aber Umweltschutz kannten wir nicht.
Damals fuhren unsere Kinder mit dem Bus, der Straßenbahn, dem Fahrrad oder gingen zu Fuß zur Schule. Einen 24stündigen Taxiservice der Mutter mit dem 50.000 Euro teuren Auto gab es nicht. Aber Umweltschutz kannten wir nicht.
In jedem Zimmer gab es nur eine Steckdose und keine Steckdosenleisten für unzählige Stromfresser, und wir hatten auch kein Internet, sondern nur einen Telefonapparat. Aber Umweltschutz kannten wir nicht.
Bedenken Sie jedoch: Es ist traurig, wenn die junge Generation sich darüber beklagt, wie verschwenderisch wir Alten gelebt haben, nur weil wir keinen Umweltschutz kannten. Glaubt sie wirklich, wir Alten benötigen eine Belehrung von euch Grünschnäbeln? Und dann auch von einem Mädchen, das mir noch nicht einmal das Wechselgeld herausgeben kann, ohne die elektrische Kasse zu befragen. Ihnen einen schönen Tag noch…"
Mutterglück und Kindersegen
In einem Magazin konnte man vor kurzem die freudige Nachricht lesen: Revolution in der Medizin – 63jährige stolze Mutter eines Jungen geworden. Mutter und Kind sind wohlauf! – Wie lange noch? Ist das tatsächlich die Revolution der Medizin, der Sieg über die Natur?
20 Jahre
Gehen wir einmal zurück in der Zeitskala, z.B. einer Frau um die zwanzig. Kinder? Nein, viel zu jung, um daran zu denken. Man hat ja noch alles vor sich: Beruf, Liebe, Reisen und Freunde. Der richtige Mann ist noch nicht da, und wenn es ihn bereits geben sollte, will man seine wilden Jahre schließlich noch in vollen Zügen auskosten – gut, der eigenen Verwirklichung zu frönen, seine Erfahrungen zu machen, man hat ja noch Zeit.
30 Jahre
Mit dreißig hat man dann Zeit, die große Unabhängigkeit zu genießen. Man ist jung und erfolgreich, unabhängig, verliebt, aber nicht gebunden – mithin voll im Trend, ganz ohne störende Bindungen.
40 Jahre
Mit vierzig fühlt man sich noch jung, beginnt aber nach Cremes, Masken und Ampullen für eine jugendliche Haut zu greifen, alles natürlich zu sündhaften Preisen. Man gönnt sich ja sonst nichts! Daß man sich nicht mehr zu den ganz Jungen zählen kann, ist einem klar – aber man gehört noch lange nicht zum alten Eisen. Man macht sich jetzt häufiger Gedanken über sein Äußeres, kauft hier und da ein teures Kleidungsstück, sei es ein Pulli, ein elegantes Kostüm oder eine auffällige Tasche. Der Freund oder der Partner von damals existiert in unserem Leben nicht mehr – um ihn ist es nicht schade, er wollte Familie und Kinder (die er mit einer anderen Frau hat), man selbst wollte die eigene Karriere nicht auf dem Altar des Familienglücks opfern. Was bleibt, ist die echte Freiheit, finanziell unabhängig – und ohne Mann. Die Einsamkeit wird verdrängt, kurze Affären sind gelegentliche Trostpflaster für die Seele. Man wirft sich ins Geschäft, bleibt weiterhin erfolgreich und macht Ferien auf den Malediven. Egoismus? Warum nicht, letztendlich ist man doch allein.
50 Jahre
Der fünfzigste Geburtstag naht. War das schon alles? Die biologische Uhr tickt leise, ohne daß es einem bewusst wurde. Es ist soweit: Die Jugend ist endgültig vorbei. Hatte man nicht bei alledem etwas Wichtiges vergessen? Beim Spaziergang schaut man jetzt immer häufiger spielenden Kindern zu. Wehmütig muß man bekennen: Ich werde niemals Kinder haben! Plötzlich steht der Entschluss fest: Es ist noch nicht zu spät, noch habe ich die Gelegenheit, in Kinderaugen zu sehen, mein Leben weiterzugeben! Es keimt der Wunsch nach einem Kind. Jetzt sofort und ohne Mann? Samenbanken bieten – wie im Supermarkt – eine Großauswahl an unterschiedlichen Merkmalen an: man sucht Intellekt, Größe, Augen und Haarfarbe einfach aus. Eine Adoption kommt gar nicht in Frage, es muss schon etwas von einem selbst sein; man will die Highlights einer Mutter erleben: Schwangerschaft, Stillen, die ersten Worte, die ersten Schritte...
Lange dauerten die Prozeduren, die Hormonbehandlungen, bevor der Arzt den positiven Befund diagnostizierte: Das Wunschkind ist unterwegs – inzwischen zählt man 57 Jahre. Man ist noch jung, fühlt sich vital. Man ist sportlich und fühlt sich der Aufgabe durchaus gewachsen, das Kind alleine großzuziehen.
Rechnen wir hoch: mit 56 Jahren schwanger – immer mit der Angst im Nacken, vielleicht ein nicht gesundes, behindertes Kind zur Welt zu bringen; mit 57 Jahren Mutter; aufs Stillen verzichtet man der Figur wegen lieber, man möchte ja noch ein paar Jahre attraktiv bleiben. Hat man die 60 erreicht, kommt das Kind in den Kindergarten, am 77. Geburtstag der Mutter macht es vielleicht Abitur; erlebt die Mutter das 80. Lebensjahr, studiert das Kind gerade oder befindet sich in der Ausbildung.
60 Jahre
70 Jahre
80 Jahre
90 Jahre
Ist es nicht schön, eine reife und erfahrene Mutter zu haben? Von Egoismus keine Spur, das ist echtes wahres Mutterglück!
Anmerkung: In der Tat habe ich das bei Andreas Nagel (ehem. Mitinhaber von H.M.Hauschild) erlebt. Spät eine junge Frau geheiratet, alt geworden. Seine Kinder hatten nicht viel von ihrem alten Vater. Er ist nämlich schon lange tot.